Faust erinnert an Wilhelm Bluhm (1898 – 1942)

Wilhelm Bluhm wurde 1898 als eines von neun Kindern in den beengten Verhältnissen einer Lindener Arbeiterfamilie geboren. Nachdem der Vater früh verstorben war, musste die Mutter die Familie allein durchbringen. Für einen höheren Bildungsabschluss fehlte das Geld, so machte Bluhm eine Lehre als Schlosser bei der Hanomag. Wegen seiner Körperschwäche blieb ihm die Frontverwendung im Ersten Weltkrieg erspart. Er arbeitete dann bei verschiedenen Firmen im Flugzeug- und Fahrzeugbau und zuletzt in den mittleren Dreißigern bei der Post; zwischendurch war er phasenweise arbeitslos.

Schon mit jungen Jahren engagierte sich Bluhm politisch, gehörte der Sozialistischen Arbeiterjugend an, den Naturfreunden und dem Metallarbeiterverband. Für seine Partei, die SPD, kassierte er in Linden-Nord die Mitgliederbeiträge. Überdies trat er in der späten Weimarer Zeit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bei, einer militanten, SPD-nahen Organisation zum Schutz der Republik gegen die Gefahr von rechts. Gerade im „roten Linden“ gab es seinerzeit schwere Auseinandersetzungen mit den erstarkenden Nationalsozialisten.

Nedderfeldstraße 8 - im zweiten Obergeschoss wohnten die Bluhms
Eine Gruppe vom hannoverschen Reichsbanner
Das Cover der Bluhm-Broschüre von 2009

Wilhelm Bluhm blieb über die nationalsozialistische „Machtergeifung“ hinaus im Widerstand, organisierte sich nun bei der Sozialistischen Front, einer der bedeutendsten, mitgliederstärksten Gruppen im Kampf gegen Hitler. Hannoversche Sozialdemokraten unter Führung des Zeitungsredakteurs Werner Blumenberg bauten die Organisation im Untergrund aus, vor allem gelang ihnen das in ihren Hochburgen Linden und Ricklingen. Heimlich verbreiteten sie ihre eigene Zeitung, die Sozialistischen Blätter, die weit über Hannover hinaus zeitweise mehr als 2.000 Leser erreichte. Darin wurde das Regime kritisiert, aber es diente auch der solidarischen Selbstvergewisserung. So machte man sich untereinander Mut, hielt an den politischen Idealen fest, arbeitete für eine bessere Zukunft und sammelte Geld für die Angehörigen von verhafteten Antifaschisten. Willhelm Bluhm leitete für die Sozialistische Front eine Abteilung in Linden-Nord. Seine Familie – er wohnte mit Mutter und Schwester in der Nedderfelstraße 8 – wusste nichts Genaueres über seine heimlichen Aktivitäten; Bluhm galt als ruhig und verschwiegen.

Die Gestapo verhaftete Bluhm im September 1936, im November 1937 wurde er zu über fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe in Hameln nahm ihn die Gestapo in „Schutzhaft“ und überwies ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Unter den mörderischen Bedingungen dort kam er im Juli 1942 um. Als er wenige Wochen später auf dem Friedhof in Ricklingen beerdigt wurde, erwiesen ihm Hunderte solidarisch die letzte Ehre.

Gedenkstein für Wilhelm Bluhm auf dem Faust-Gelände

In Linden-Nord erinnert seit 1950 die Wilhelm-Bluhm-Straße (vorher Gummistraße) an den mutigen Antifaschisten. Das Kulturzentrum Faust, nur wenige Schritte entfernt von der früheren Wohnung Bluhms, machte es sich zusammen mit dem Freizeitheim Linden und der Geschichtswerkstatt Hannover zur Aufgabe, das noch verfügbare Wissen über ihn zusammenzutragen. Die Ergebnisse erschienen 1993 in einer Broschüre. Gleichzeitig wurde im Eingangsbereich von Faust ein Wandrelief des Lindener Bildhauers Wolfgang Supper eingeweiht. In schlichter Form zeigt es gebeugte menschliche Körper – nur einer steht aufrecht: Wilhelm Bluhm.

Eine besondere Würdigung erfuhr er zuletzt im Jahr 2009, als der Kölner Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein vor Bluhms früherem Wohnhaus in der Nedderfeldstraße verlegte. Auffallend viele Menschen fanden sich zum Termin zusammen, Ansprachen wurden gehalten, rote Fahnen flatterten, und der Chor Teutonia sang ein Lied aus der Arbeiterbewegung. Die Teilnehmer waren sichtlich bewegt. Anschließend erinnerte eine Ausstellung bei Faust an Bluhm. Gleichzeitig erschien die aktualisierte, erweiterte Ausgabe der längst vergriffenen Broschüre von 1993. Wer diese sehr informative, reich illustrierte Arbeit erstehen möchte, bekommt sie bei Faust oder auch bei Quartier e. V. am Lindener Berg.

Literatur:
Jonny Peter; Holger Horstmann: Wilhelm Bluhm. Ein Lindener Widerstandskämpfer. Herausgegeben von Quartier e. V., Otto-Brenner-Akademie, Kulturzentrum Faust. Hannover 2009

Bilder von der Stolpersteinverlegung:

Die drei Pfeile der Eisernen Front erinnerten an den sozialdemokratischen Antifaschismus in der späten Weimarer Zeit. Hier hing die Fahne aus der einstigen Wohnung der Bluhms.
Der Teutonia-Chor sang ein Lied aus der Arbeiterbewegung
Wohl kein Stolperstein in Hannover zog bei seiner Verlegung so viele Interessierte an wie der für Bluhm
Vor der Nedderfeldstraße 8 ließ der Künstler Demnig diesen Stein ein